Sonntag, 19. November 2017

Eine symbiotische Hassliebe


Schreiben ist eine Entblößung. Lesen ist Voyorismus. Schreiben ist Erschaffen. Lesen ist konsumieren. Richtig verstanden, steht beides gleichwertig nebeneinander. Das eine gibt es nicht ohne das andere. Wer sich entblößt, möchte gesehen werden, wer erschafft, braucht den Konsumenten. Künstler benötigen Publikum, das Publikum ist nichts ohne den Künstler. Eine Symbiose.
Beide haben Macht übereinander: Der Künstler führt das Publikum vor, zwingt es an Unwohlfühlorte. Ein Beispiel dafür sind die Publikumsbeschimpfungen von Peter Handke. Das Publikum wiederum blamiert den Künstler und ignoriert ihn schlimmstenfall. Eine Hassliebe.
Der Puffer ist die Kulturindustrie. Sie sugeriert dem Publikum, sich mit Kunst zu beschäftigen, offeriert aber nur Surrogate. Während sie Handwerkern, die ein wenig schreiben oder malen können weismacht, sie seien Künstler. Die Währung heißt auf Seiten der Künstler Erfolg in Form von Geld und Preisen, auf Seiten der Leser Bestätigung des eigenen Denkens sowie der eigenen Vorurteile. Ein Geschäft für alle.
In dieser Gemengelage ist es Arbeit zum Beispiel für Leser, wirklich gute Büchr zu finden. Und Schriftsteller sollten sich davor hüten, in ihren Werken eine Qualität zu sehen, nur weil sie nicht gelesen werden. Gute Kunst verändert die Gesellschaft - früher oder später. Nicht jeder erfolglose Künstler hat dazu das Zeug. Vielleicht ist er nur das - ein erfolgloser Künstler, der seiner Zeit nichts zu sagen hat. Andererseits ist nicht jeder Künstler, der nicht beachtet wird, ein Spinner. Es ist kompliziert - und letztlich entscheidet das Publikum. Möglicherweise erst in der Zukunft, aber es ist der einzige Maßstab für die Qualität von Kunst. Daran führt kein Weg vorbei.